Chemnitz braucht Botschafter!

botschafterOffener Brief der KINDERVEREINIGUNG Chemnitz e.V.

Mehr als 1.000 junge Botschafter haben in diesem Jahr mit dem Ferienprojekt „die verreiser“ der KINDERVEREINIGUNG® Chemnitz e.V. erlebnisreiche, aufregende und sinnvolle Ferientage in Sachsen, Deutschland und sogar in einigen wenigen Ländern Europas verbracht. Diese Kinder, Jugendlichen und jungen Erwachsenen haben in Deutschland und Europa von einer Stadt in Sachsen erzählt, in der sie die Möglichkeit geboten bekommen, gemeinsam mit Freunden und Bekannten in den Winterferien, in den Osterferien, in den Sommerferien und nicht zuletzt auch in den Herbstferien zu verreisen, um dabei ganz neue Erfahrungen machen zu können.

Sie haben dabei neue Freunde gefunden, mussten sich mit Menschen aus anderen Kulturen und mit den anderen Kindern oder Jugendlichen aus ihrer Gruppe verständigen. Sie haben sozialen Umgang außerhalb ihrer Elternhäuser erfahren und manchmal mussten sie einen Streit überstehen. Sie haben sich andere Gegenden angeschaut und verstanden, dass die Welt bunt ist und gar nicht an den Grenzen ihrer Stadt aufhört.

In erster Linie aber haben sie eines getan: Sie haben sich erholt! Sie haben sich erholt vom Schulstress, von den hohen Anforderungen, die bereits in jungen Jahren an sie gestellt werden. Sie haben sich nicht selten auch erholt von Verwerfungen in ihren Familien, von sozialen Notsituationen in ihrem Zuhause oder von Wohlstandsverwahrlosung in manch besser situierten Familien. Sie haben sich in herrlichen Landschaften von schädlichen Umwelteinflüssen ausgeruht und konnten unbefangen die Schönheiten der bereisten Gegend auf sich wirken lassen.

Betreut wurden sie auf ihren Reisen nach Flöha oder Kroatien, nach Seifhennersdorf oder Helsinki, in die Sächsische Schweiz oder nach Dänemark von zum größten Teil ebenfalls jungen, vor allem aber verantwortungsbewussten und gut ausgebildeten Betreuern, die in ihrer Freizeit, ihrem Urlaub oder ihren Semesterferien dafür sorgen, dass die jungen Verreiser gesund und voller wichtiger Eindrücke diese Ferientage verbringen können, sich erholen können und dabei eine Menge Spaß haben. Sie versorgen sie rund um die Uhr, bieten ihnen sinnvolle und alles andere als langweilige Beschäftigungen an. Diese Betreuer trösten bei Heimweh, begleiten die Kinder und Jugendlichen gegebenenfalls zum Arzt, achten auf die Belange des gesetzlichen Jugendschutzes, setzen sich in schwierigen Konfliktsituationen mit den Teilnehmern auseinander oder für sie ein. Sie tun dies vor allem ehrenamtlich und erhalten statt eines Honorars lediglich eine kleine Aufwandsentschädigung, um ihre eigenen Auslagen decken zu können. Gemeinsam ist all diesen Betreuern das Engagement für die ihnen anvertrauten Kinder und Jugendlichen.

Seit nunmehr fast 20 Jahren bietet die KINDERVEREINIGUNG® Chemnitz e.V. als Freier Träger der Jugendhilfe und auf Basis des SGB VIII, Kinder- und Jugendhilfegesetz (KJHG), § 11, in Verbindung mit dem § 14, Kindern und Jugendlichen aus Chemnitz und Umgebung und, weil es sich herumgesprochen hat, sogar Kindern aus ganz Sachsen oder der Bundesrepublik diese Möglichkeit des Reisens. In diesen Jahren haben sich weit über 23.000 Teilnehmer auf diese Weise die Welt oder ihr näheres Umfeld angeschaut. Dabei standen nicht, wie bei bedauerlicherweise vielen kommerziellen Anbietern, Alkohol und “Party” im Vordergrund, sondern Erholung und Erfahrung, Interaktion und Integration, Spaß und Entdeckung. Nicht zuletzt kommt der Begriff „Weltanschauung“ eben auch von „Welt anschauen“.

Dieses in Chemnitz in dieser Größenordnung einzigartige sozial- und erlebnispädagogische sowie dezidiert nichtkommerzielle Angebot, welches zudem höchsten Ansprüchen nicht nur des „Jugendreisemarktes“ genügt, sondern auch über eigene hohe Qualitätsstandards verfügt, kostet natürlich Geld. Zu finanzieren sind  zunächst die Bustransfers mit seriösen, zuverlässigen und sicheren Anbietern, Unterbringungskosten, die Kosten für die Vollverpflegung der Teilnehmer und z.B. erlebnispädagogische Angebote, Kanuausleihe, Museumseintritte, logistische Leistungen, Versicherungen, Gruppengeld und nicht zuletzt die Kosten für die Vorbereitung im Büro und die Schulungen der Betreuer sowie deren Aufwandsentschädigungen und und und …

Dies geschieht derzeit mit Fördermitteln nach der Projektförderrichtlinie der Stadt Chemnitz sowie außerdem der Maßnahmeförderrichtlinie „Kinder- und Jugenderholung“ und den Teilnahmebeiträgen, denen nicht eine gewinnorientierte Preisgestaltung, sondern vielmehr eine kosten- und qualitätsorientierte Kalkulation zugrunde liegt, die immer zum Ziel hat, qualitativ hochwertige und den besonderen Ansprüchen von Kindern und Jugendlichen genügende Maßnahmen anbieten zu können. Hinzu kommt, dass sich diese Reisen auch nur dann weiter finanzieren lassen, wenn genügend Kinder und Jugendliche daran teilnehmen.

All das ist jetzt akut gefährdet!

Die Bestrebungen aus der Verwaltung der Stadt Chemnitz, insbesondere aus dem Büro der zuständigen Kultur- und Sozialbürgermeisterin Frau Heidemarie Lüth, Die Linke, gehen mit zum Teil ebenso abstrusen wie falschen Begründungen dahin, die zwingend notwendige Förderung der Stadt Chemnitz weitgehend zurück zu fahren oder gar ganz einzustellen. Ins Feld werden dabei Argumente geführt, wie zum Beispiel, dass die Reisen zu weit weg führten und trotz bzw. wegen der Förderung durch die Stadt Chemnitz zu teuer seien. Völlig abwegig ist unseres Erachtens jedoch die Bestrebung (gerade einer Sozialbürgermeisterin), dieses Angebot bzw. Arbeitsfeld, welches explizit ein Auftrag der Kinder- und Jugendhilfe ist, vorrangig kommerziellen Anbietern überlassen zu wollen. Entsprechend äußerte sich uns gegenüber das Jugendamt. Zu verweisen ist dabei auf einen jüngst erschienenen Beitrag der FAZ.net vom 4. August 2009, der im Jugendcamp eines kommerziellen Anbieters recherchiert ist und von teilweise unhaltbaren Zuständen bezüglich des Jugendschutzes und der Wahrnehmung der Fürsorge- und Aufsichtspflicht berichtet. Hinzu kommt eine jüngst herausgegebene Pressemitteilung des Bundesforums Jugendreisen, die speziell die Alkoholproblematik in Camps bestimmter kommerzieller Anbieter anspricht. Traurig ist in dem Zusammenhang, dass Frau Lüth und offensichtlich nicht jede/r Entscheidungsträger/in versteht, dass die deutsche „Kinder- und Jugendreisebranche“ gemeinnützig und sozialpädagogisch geführte Alternativen wie “die verreiser” dringend braucht!

In den fast 20 Jahren, in denen die KINDERVEREINIGUNG® Chemnitz e.V. Kinder- und Jugenderholungsmaßnahmen durchführt, gab es noch keine schwerwiegenden Zwischenfälle. Die große Mehrzahl der Teilnehmer fährt mehr als einmal mit. Seit fast 20 Jahren vertrauen Eltern ihre zum Teil noch recht jungen Kinder der KINDERVEREINIGUNG® Chemnitz e.V. an und können sie nach unbeschwerten Ferientagen wieder in ihre Arme schließen. Dies soll jetzt zu Ende sein – am Ende sogar aufgrund nur einer Einzelmeinung und wider besserer Sachkenntnis?

Wir möchten Sie bitten, dies nicht zu zulassen und sich mit aller Überzeugung für den Weiterbetrieb eines einmaligen, modernen und an den Interessen und Bedarfen der Kinder, Jugendlichen und Eltern orientierten Projektes der Stadt Chemnitz einzusetzen.

Vorstand und Aufsichtsrat
KINDERVEREINIGUNG® Chemnitz e.V.

6 Antworten to “Chemnitz braucht Botschafter!”


  • Als ehemalige aktive Betreuerin der Verreiser kann ich mit vollstem Herzen bestätigen das die Kindervereinigung, also die Verreiser, gute Arbeit leisten; nach meiner ersten Schulung in der Kindervereinigung habe ich das mitbkommen was man als Betreuer braucht: großen Respekt vor der Aufgabe Kinder und Jugendliche verantwortungsvoll “fremd”zubetreuen…! Man hat es sich einfacher vorgestellt. Genau das ist die Qualität der Verreiser; Betreuer grundlegend auszubilden und so eine Garantie für wirkliche Erholung der Kinder zu schaffen!
    Inzwischen bin ich Mutter von 2 Kindern; ich habe mich immer auf den Tag gefreut an dem ich die beiden in ihr erstes Ferienlager stecke; das Alter ist in 3 Jahren erreicht; ich will und will es nicht einsehen das die Verreiser vielleicht dann nicht mehr da sind. Zum einen, weil ich als Mutter einen authentischen Partner für meine Kinder verliere, zum anderen, weil ich mir wünsche das noch viele andere Eltern diese gute Erfahrung mit dem Verein und den srahlenden Kinderaugen heimgekommener Botschafter machen können.

    PS: Wann treffen wir uns mal wieder auf dem Bahnhofsvorplatz?

  • Hier wird etwas sehr anschaulich geschildert, was für die Kids einfach nur gut ist. Wenn Kinder es in Chemnitz fein haben, werden sie als Erwachsene hier bleiben, etwas Wichtigeres gibt es perspektivisch für Chemnitz nicht!
    Volksmusikveranstaltungen haben wir in Chemnitz genug, Rentner und deren Eltern haben es doch schon gut ;-)

    Kinder wollen kultiviert und gleichermaßen spielerisch vereisen, das zu in die Tat umzusetzen ist nicht leicht! Warum diejenigen, die es nachweislich können, nicht besonders fördern?

    Also Entscheider: Auf die Zukunft setzen, das verlangt gar nicht so viel Mut! Danke.

    UF

  • Immer und immer wieder die selbe Debatte. Es gab einen Bundespräsidenten der sagte durch Deutschland müsse ein Ruck gehen. Diesen Ruck müssen wir uns immer wieder geben, wenn wir in einer demokratischen und sozialen Gesellschaft leben wollen. Vor allem aber auch dann, wenn wir die sich vordrängelnde Oma im Supermarkt anlachen und nicht anmotzen, dem Bauern der uns seine Wiese zum Zelten überlässt als den großzügigsten Menschen auf Erden erklären oder schlicht dem Busfahrer der die Türe nicht vor unserer Nase schließt danke sagen.
    Wir können uns jederzeit in der Debatte über Einzelheiten ergötzen aber sollten nicht vergessen, dass wahrscheinlich noch nie so dermaßen viel über unsere Gesellschaft nachgedacht wurde wie aktuell. Diese Gesellschaft sind wir selbst und all unser Handeln.
    Unser Verhalten gegenüber der Oma, des Bauern und des Busfahrers spielt keine weltpolitische, wirtschaftliche oder ökonomische Rolle und doch eine wesentliche für diese, unsere Gesellschaft. Jeder kann ein Botschafter dieser Gesellschaft sein, irgendwo wird es passieren, dass wir mehr als nur nette Leute sind. Wir können die aus Deutschland, aus der ehemaligen DDR, aus Sachsen, aus einer Stadt die mal Karl-Marx-Stadt hieß, sein. Einer modernen Stadt, einer Heimatstadt.
    Ich wünsche meinen ehemaligen Chef die Erfahrungen die ich beim Leiten von Gruppen gemacht habe. Mein Dank gilt der Kindervereinigung dafür die Erfahrungen in dem Rahmen machen zu können wie sie waren.

    Ich wünsche jedem diese Erfahrungen auf selbe Weise machen zu können.
    Bezüglich den Erfahrungen die ein Kind/Jugendlicher bei der Kindervereinigung möchte ich mich anschließen.

    Leider sind meine rhetorischen Fähigkeiten in Ibos Dönerbude mit Internet beschränkt. Also ums kurz zu machen: Weiterentwicklung noch mehr fördern und nicht abschaffen!

    Falk Meinel

  • Tolle Gedanken, lieber Falk, wie man dich halt kennt. ;-) Hier mal noch ein ein kleines Fundstück: Clueso im Ferienlager

    “Fliehen ist ganz wichtig, damit man begreift, was man nicht will” – vielleicht ist Clueso deshalb als Kind so gerne ins Ferienlager gefahren:

    http://www.einslive.de/medien/html/1live/2009/11/22/zimmer-frei-clueso-interview.xml

  • Als ehemaliger Betreuer (2000-2005) der Kindervereinigung Chemnitz und Bürger dieser Stadt bin ich schockiert was die weitere Kürzung der Gelder angeht. Vor allem aus welchen Gründen! Traurig macht mich das das von einer Bürgermeisterin gefordert wird, deren Parteizugehörigkeit, ich mir eigentlich einer Verbesserung der Kinder – und Jugendarbeit erhofft hätte!!!
    Die Leute im Rathaus sollten sich mal lieber mit den Meinungen von Kindern und Jugendlichen auseinander setzen, die mit der KV schon mal vereist waren. Ich denke dann würden die Verantwortlichen die über die Geldfreigabe zu entscheiden haben, anders denken! Ich selbst habe nur schöne Ferienlager erlebt. Mit einem Bewusstsein für Verantwortung das ich in vielen Seminaren bei der KV erlernen konnte habe ich Ferienlager umgesetzt in denen ich nicht neben den Teilnehmern gestanden habe. Ich denke so gerne an die vielen schönen Tage zum Beispiel in Norwegen, Schweden oder Slowenien zurück an dem kein Alkohol geflossen ist um vielleicht sinnlose Freizeitinaktivität wie bei komerziellen Anbietern, zu betäuben. Ich bin bis heute mit einigen Teilnehmern und deren Eltern befreundet. Ich kann mir nicht vorstellen, dass das auch so wäre wenn die Ferienlager der Kindervereinigung so laufen würden wie in der Pressemitteilung beschrieben.
    Aber man kann auch auf billig, billiger und noch billiger machen. Dann gibts eben nur noch Betreuer die nicht geschult, ausgebildet oder als geeignet befunden werden. Dann verlieren wir auch in unserer Stadt das letzte bischen Kinder- und Jugendkultur was wir haben.

  • Ein Leben ohne Verreiser!?! UNMÖGLICH und TRAURIG. Ich selbst bin seit ca. 5 Jahren bei der KV, 2 davon bei den Verreisern. Das Mitwirken in diesem Projekt hat mir ein völlig neues Lebensgefühl vermittelt. Es ist unvorstellbar für mich, nicht in aller Regelmäßigkeit mit ehemaligen Ferienlagerkindern zu sprechen (via Telefon, email, etc.), keine Anrufe von diesen zu Silvester oder zum Geburtstag zu bekommen, oder das nächste Ferienlager zu planen, nur weil Gelder an den falschen Stellen gekürzt werden. Immer wieder werde ich gefragt, in welches Ferienlager ich als Betreuer als nächstes fahre… und was soll ich nach der akuellen Sachlage antworten!?! Ich verkneife mir Kommentare, um nicht in traurige Kinder bzw. “Jugendlichenaugen” zu schauen und vertröste sie auf später.
    Die Verreiser sind keine x-beliebige Ferienlagerorganisation, sondern vor allem ein Projekt der Kinder-und Jugendarbeit, bei dem sich nicht nur die Teilnehmer (auch die aus der Umgebung von Chemnitz!), sondern auch die EHRENAMTLER wohl fühlen!!! Anstelle ein solches Projekt zu fördern, werden uns Steine in den Weg gelegt.
    Mich persönlich hat das Projekt wieder an meine Heimatstadt gebunden, weil es schön ist, mit all diesen Menschen (seien es Teilnehmer oder Mitbetreuer) Zeit zu verbringen und Spaß zu haben. Und heißt nicht aktuell “Chemnitz zieht an”!?! Unter diesem Motto, sind derartige Kürzungen geradezu paradox!

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