Vergleichen wir Chemnitz mit einer Familie:
Wenn einer Familie, aus welchen Gründen auch immer, das Geld knapp wird, muss sie sparen.
Manches wird kein Familienmitglied in Frage stellen, weil es zur Grundversorgung gehört.
Bei vermeintlichen Extras wird es Diskussionen geben. Wer soll worauf zuerst verzichten: Papa auf neue Autoteile oder Mama auf Schuhe oder die Kinder aufs Kino oder alle auf eine gemeinsame Reise?
Je nach Familienstruktur und –klima werden die Standpunkte und die Entscheidungen sehr unterschiedlich ausfallen.
Stellt eine Familie mit ihren Entscheidungen jedoch die Grundversorgung einzelner Familienangehöriger in Frage, nennt sie der Volksmund schnell asozial.
Chemnitz wird das Geld knapp und knapper.
Möchte die Stadt nicht als unsozial gelten, müssen die Stadtväter und –mütter mit Blick auf ihre etwa 240.000 Bewohner Grundsatzentscheidungen treffen:
Was soll unantastbar bleiben – und was sind Extras, auf die künftig Teile der Bevölkerung verzichten müssen.
Respekt vor jedem, der in dieser angespannten Situation eine Spar-Idee präsentiert.
Zu vielen Vorschlägen habe ich eine Meinung, jedoch nicht ausreichend Sachverstand zum Mitreden.
Die Maßnahmen zur „Anpassung der Projektförderung an die veränderte demografische Entwicklung“ im Bereich der Jugendhilfe kann und möchte ich kommentieren:
Ich arbeite seit 13 Jahren in einem Kinder- und Jugendklub.
Dass die geplanten Einsparungen meinen Job indirekt in Frage stellen, bereitet mir keine Sorgen.
Ich bin gut ausgebildet, motiviert, flexibel, noch fast jung – und gespannt auf die Herausforderungen meines künftigen Arbeitsplatzes …
Wütend macht mich zum einen, dass die demografische Entwicklung für Kürzungen herhalten soll.
Veränderte Besucherzahlen in einigen Klubs linear auf diesen einen Grund zurückzuführen, ist willkürlich und unwissenschaftlich.
Vielleicht haben ja auch Personalrückgänge in manchen Klubs um bis zu 75 % im vergangenen Jahrzehnt was damit zu tun?
Wütend bin ich außerdem, weil soziale Kompetenzentwicklung junger Menschen in der Freizeit unter Anleitung von Profis, wie dies u.a. in den Kinder- und Jugendfreizeiteinrichtungen geschieht, aus meiner Sicht zweifelsfrei zu den Basisaufgaben einer „Stadt der Moderne“ gehört (wie die Erziehung der Kinder in einer Familie …).
Vom Meckern über die rüpelhafte Jugend, vom Beklagen überforderter Eltern und Jammern über hilflose Lehrer wird sich vermutlich nichts ändern – vielleicht bewegt ja der sukzessive Verzicht auf Freizeitpädagogik und andere Jugendhilfeleistungen etwas …
Sicher gibt es Reformbedarf in der kommunalen Jugendhilfe – bis hinein in den Klub, in dem ich arbeite.
Und Möglichkeiten, Geld noch effektiver zu verwenden – bestimmt auch in dem Klub, in dem ich arbeite.
Das derzeit geplante Vorgehen gleicht jedoch einer Familie, die zum Energiesparen die Heizungen aus der Wand reißt, statt Wärmedämmung oder effizientere Heizmethoden in Erwägung zu ziehen.
Solche Vorschläge kann man in Schilda bringen, aber doch bitte nicht in der Stadt, deren Kind ich seit 46 Jahren bin.
Dass Jugend kaum Lobby hat, ist mir bewusst – dass sich jedoch eine Stadt ihrer demografischen Entwicklung nicht nur schicksalhaft unterwerfen will, sondern diese Schieflage sogar noch fördert, macht mich äußerst besorgt.
Wahrscheinlich wird von den der Stadt verbliebenen jungen Menschen auch kaum noch Widerstand gegen solcherart Vorschläge erwartet.
Wenn sich die Damen und Herren da mal nicht täuschen …
Lutz Berger
Kinder- und Jugendzentrum B-Plan
P.S.: Viel Spaß hatte ich ganz nebenbei an dem Gedanken-Experiment, mir einfach mal alle Entscheidungen in Chemnitz an die demografische Entwicklung gekoppelt vorzustellen: Den Schlossteich ein bisschen ablassen, ein Stück Stadtpark absperren, 3 Bürgersteige hochklappen, die Straßenbeleuchtung ein wenig dimmen, ein paar Bilder im Museum abhängen und 2 Stuhlreihen in Kinos, im Theater und im Opernhaus abschrauben – und vielleicht auch ein paar Türen im Moritzhof und im Rathaus zumauern …

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