Im Juni diesen Jahres stellte die Stadt Chemnitz das Entwicklungs– und Konsolidierungskonzept 2015 vor, in welchem eine Konsolidierungssumme von 50 Mio Euro bis zum Jahr 2015 zur Einsparung vorgeschlagen wird. Die höchste Summe soll im Dezernat 5 gespart werden. Hier wurden knapp 21 Mio Euro zur Konsolidierung empfohlen. Im Fachbereich des § 13 wird speziell auf das Leistungsangebot Mobile Jugendarbeit eingegangen, wo in den nächsten 5 Jahren um 200 000,00 € gekürzt werden soll. Es handelt sich hierbei um 1/3 des Gesamtbudgets der Mobilen Jugendarbeit in Chemnitz. Dazu möchten wir Stellung beziehen.
Die Projekte der Mobilen Jugendarbeit/ Streetwork leisten in mehreren Stadtteilen und mit ganz verschiedenen Jugendgruppen der Stadt einen fachlich wertvollen und qualitativ hochwertigen Beitrag zu folgenden Themenbereichen:
- Persönlichkeitsbildung und Lebensbewältigung der jungen Menschen
- Einzelfall- und gruppenbezogenen Netzwerkarbeit
- Unterstützung beim Übergang zwischen Schule und Beruf
- besser gelingendes und demokratisches Zusammenleben in den Stadtteilen („Sozialer Frieden“)
- demokratische, informelle und nonformale Bildung
Mobile Jugendarbeit/ Streetwork trägt dazu bei, das System Jugendhilfe bedarfsgerecht und lösungsorientiert für die AdressatInnen zu öffnen. Unser niedrigschwelliges und anwaltschaftliches Angebot für die Mädchen und Jungen der Stadt Chemnitz leistet einen notwendigen Beitrag an flexiblen und passgenauen Hilfen, die den Lebensweltbezug der jungen Menschen erhalten und somit intensive, ressourcenorientierte und effektive Unterstützung ermöglichen, um gegebenenfalls langjährige, so genannte Jugendhilfekarrieren, zu vermeiden.
Eine drastische Kürzung Mobiler Jugendarbeit in Chemnitz bedeutet somit weniger Leistung eines effizienten, bedarfsorientierten, flexiblen und niedrigschwelligen Angebots, was langfristig negative Folgen für den sozialen Frieden in den betreffenden Sozialräumen haben wird. Besonders hinsichtlich der geplanten Schließungen von Jugendclubs in den nächsten Jahren wird der Bedarf an Mobiler Jugendarbeit sich erhöhen, um die sich selbst überlassenen jungen Menschen aufzufangen.
Die geplanten Kürzungen werden eine direkte Auswirkung auf die zur Verfügung stehende Arbeitszeit der SozialpädagogInnen haben. Damit ist die Aufrechterhaltung der bisherigen Öffnungszeiten der Kontaktbüros nicht möglich. Das bedeutet, die jungen Menschen hätten eine Möglichkeit weniger sich, bei selbst erkanntem Bedarf, Beratung und Unterstützung zu holen. Den jungen Menschen wird der Zugang zu adäquaten Unterstützungsangeboten erschwert, da diese durch weitere Kürzungsvorschläge der Stadt Chemnitz sowie des Landes Sachsen nicht mehr in ausreichendem Maß zur Verfügung stehen bzw. über viele Jahre gewachsene Hilfenetzwerke nicht mehr existieren.
Des Weiteren wird es Einschnitte im Bereich Streetwork geben. Eine Abnahme der Außen- und Erstkontakte wäre die direkte Folge und die Bekanntheit des niedrigschwelligen Hilfsangebots würde zurückgehen. Die Verringerung der Präsenz im Sozialraum erschwert dann das Erkennen von Tendenzen und dynamischen Prozessen im Gemeinwesen, birgt die Gefahr von zu spätem Reagieren und verbaut somit die Möglichkeit der deeskalierenden Einwirkung. Es ist damit zu rechnen, dass sich die Anzahl von Stadtteilen mit sozial benachteiligten BewohnerInnen erhöht.
Die Basis von Mobiler Jugendarbeit stellt die Vertrauensbildung auf Grundlage von langfristiger Beziehungsarbeit dar. Wenn diese Strukturen zerstört werden, verlieren junge Menschen ihr Vertrauen in die Unterstützung durch Sozialarbeit. Armut, Ausgrenzung und die Abschaffung präventiv wirkender sozialer Angebote, wie Mobile Jugendarbeit, führen verstärkt zu sozialen Unruhen, Gewalt und Kriminalität, was die Lebensbedingungen aller Menschen negativ beeinflusst und zusätzlich die Kosten im Justizbereich und für therapeutische Maßnahmen stark erhöht.
Die Mädchen/ jungen Frauen und Jungen/ junge Männer ziehen sich verstärkt in private Räume oder auch kriminelle Strukturen zurück. Dadurch schwinden die Möglichkeiten der Kontaktaufnahme durch die Mobile Jugendarbeit und damit auch die Chance präventiv wirksam zu werden.
Mobile Jugendarbeit, die auch für die Sensibilisierung und Kommunikation von gesellschaftlicher Entwicklung im Sozialraum zuständig ist und den Auftrag hat, daran mitzuwirken Lebensbedingungen von Menschen förderlich zu gestalten, ist dann nicht mehr in der Lage diesen Auftrag innerhalb der Gemeinwesenarbeit ausreichend zu erfüllen.
Zudem können Freizeitprojekte und Gruppenarbeiten nicht mehr in gleicher Anzahl angeboten werden. Der Effekt der ausbleibenden Bildungsangebote ist nicht einschätzbar.
Wir fordern die Politiker und die Verwaltung der Stadt Chemnitz einerseits auf, der Landesregierung Sachsen diese Auswirkungen des rigiden Sparkurses auf den sozialen Frieden in Chemnitz zu verdeutlichen und auf eine bessere finanzielle Ausstattung der Kommunen zu drängen. Weiterhin soll die Prioritätensetzung der Einsparpotenziale noch einmal überdacht werden. Dieser „Kahlschlag“ im Bereich des Dezernats 5 (Kultur, Sport und Soziales) geht einzig und allein auf die Kosten der Lebensqualität und der Zufriedenheit der Bürgerinnen und Bürger dieser Stadt und spart langfristig keine Kosten. Die Stadt muss lebenswert für alle Generationen bleiben um eine Zukunft zu haben!
Wir beteiligen uns gern an einem Ergebnis– und lösungsorientierten Dialog, mit dem Ziel, den veränderten Rahmenbedingungen gerecht zu werden und trotzdem den sozialen Frieden in unserer Stadt zu erhalten.
Die Projekte der Mobilen Jugendarbeit in Chemnitz
Chemnitz, 09.08.2010

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